Birgit Blume Phantastische Literatur
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Leseprobe: Die Shaworkrone - Prolog



Prolog

                                                                                            

 

Langsam versank sie in der Tiefe.

Die Kälte machte ihr nichts mehr aus, das Atmen fiel ihr mittlerweile leicht und auch ihre Augen hatten sich an die Welt unter Wasser gewöhnt. Was ihr anfangs wie undurchdringliche Dunkelheit erschienen war, breitete sich nun klar und deutlich unter ihr aus wie eine Wiese an einem Sommertag. Fische mit hell leuchtenden Flossen streiften sie und setzten ihren Weg durch baumhohe Korallenbüsche und wogendes Seegras fort. Eine Horde Seepferdchen folgte ihnen hüpfend. Langbeinige Krebse huschten auf der Jagd nach winzigen, durchsichtigen Fischen über den Boden und mussten immer wieder Seeschlangen ausweichen, die sich durch den Sand wanden. Weit über ihr rollten die Wellen an den Strand, das Gemurmel der Brandung drang gedämpft an ihre Ohren, wie die Gesänge der Wale, die vor der Küste gen Süden zogen.

Bald setzten ihre Füße auf dem Grund des Meeres auf, Krebse und anderes Getier aufscheuchend, das sich dort eingegraben hatte. Lächelnd lief sie auf die dunklen Ruinen der Stadt zu, die sie vor zwei Monden bei einem ihrer Ausflüge entdeckt hatte. Schlanke blau-grüne Fische mit schimmernden, an den Mäulern sitzenden Lichtfäden begleiteten sie bis zu einem gewaltigen steinernen Torbogen, in den Zeichen eingemeißelt waren, die sie lesen konnte, obwohl niemand sie diese Schrift gelehrt hatte.

An Tar, Stadt der Songat.

Schon als Kind war in den Nordlanden hatten sich fremde Worte in ihre Gedanken geschlichen. Sie hatte die Beunruhigung ihrer Eltern gespürt, wenn sie ihnen davon erzählte. Und dann hatte sie nur mit Worten die riesigen Wellen beruhigt, die die Fischer ihres Dorfes auf offener See bedrohten. Sie besaß Macht über das Wasser - und war aus diesem Grund vertrieben worden. Noch einmal würde sie das nicht ertragen. Doch sie ahnte, dass Raik Verdacht geschöpft hatte. Wenn ich zurück bin, werde ich mich ihm anvertrauen. Er ist mein Freund und wird sich bei den Ältesten für mich einsetzen.

Sie schwebte durch das Tor und zwischen den Überresten von Villen und Palästen auf einen Platz zu, den algenbewachsene Säulen und Statuen säumten. In seiner Mitte erhob sich ein schwarzer Turm aus glattem Stein. Sie schwamm an ihm empor bis zur Spitze und glitt durch eine Öffnung im Mauerwerk in einen gewaltigen Saal. Ihr Blick fiel auf den Muschelthron, der auf sie zu warten schien. Sie näherte sich ihm, nahm Platz und schloss die Augen. Wehmut ergriff sie. Wer hatte hier gelebt? Waren es Menschen mit ihren Fähigkeiten gewesen? Hatten sie An Tar verlassen müssen? Waren sie gestorben? Für einen Augenblick stellte sie sich vor, die Stadt wäre mit Leben erfüllt: geschäftiges Treiben in den Straßen und Gassen, Stimmengewirr und lautes Lachen auf den Plätzen, Lichter in den Häusern, Musik.

Doch schließlich kehrten Stille und Einsamkeit zurück und umhüllten sie wie ein schwerer Mantel. Seufzend erhob sie sich. Sie spürte, dass ihre Kräfte nachließen. Es wurde Zeit. Langsam tauchte sie an die Oberfläche zurück und ließ sich von den Wellen an den Strand tragen. Erschöpft legte sie sich in den kalten Sand und schlief ein.

Als sie die Augen aufschlug, peitschte ihr der Regen ins Gesicht und der Wind zerrte an ihren hüftlangen Haaren und dem nassen Kleid. Vor Kälte zitternd setzte sie sich auf und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Erst jetzt fiel ihr Blick auf die Ältesten des Dorfes, die in einem Kreis um sie herum standen. Missbilligung stand ihnen in die Gesichter geschrieben. Raik trat zu ihr und half ihr, sich aufzurichten. Sein Blick war ernst und sie spürte seine Furcht.

Raiks Vater, einer der Magier des Dorfes, trat vor. „Niemi.” Enttäuschung färbte seine Stimme dunkel. Er hatte sie wie eine Tochter aufgenommen, als sie nach langer Wanderschaft halb verhungert in das Dorf gekommen war. Damals hatte er keine Fragen gestellt.

Sie sah auf.

„Mit wachsender Sorge beobachten wir seit einiger Zeit, dass du nachts in die Fluten steigst und erst vor dem Morgengrauen wieder an Land kommst.” Er hielt inne und fuhr sich mit den Fingern über seinen langen Bart, als suchte er nach den richtigen Worten. Dann räusperte er sich. „Bist du eine Tungumal?”

Niemi holte tief Luft. Es war also so weit. Sie ließ ihren Blick über die versammelten Ältesten gleiten. „Ja, das bin ich.”

Raiks Vater seufzte und schlug sich eine Hand vor die Augen. „Dann musst du uns verlassen.”

„Aber ich habe doch niemandem etwas getan!” Sie sah hilfesuchend zu Raik hinüber.

Der nickte bedächtig. Trauer huschte über sein schmales Gesicht, als er zu ihr sprach. „Das habe ich den Ältesten auch gesagt, doch sie ...”

„Du weißt, dass sie nicht bei uns bleiben kann. Wassermagier sind eine Gefahr für jedes Dorf an der Küste”, fiel ihm Trevor, der Gerber, ins Wort.

Nicht schon wieder. Niemi blinzelte die Tränen weg, die ihre Augen füllten.

„Es ist euer Schicksal, im Wasser zu leben”, ergriff Raiks Vater erneut das Wort. „An Land gewinnt eure dunkle Seite die Oberhand.”

„Nicht weit von hier”, Niemi zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das aufgewühlte Meer, „liegt eine verfallene Stadt. Gewährt mir noch zwei bis drei Monde in eurem Dorf, bis ich kräftig genug bin, um dort zu leben.”

„Nein”, rief Trevor aufgebracht. „Du musst fortgehen, weit fort! Wir werden nicht warten, bis deine Kräfte erstarkt sind und du das Wasser beherrschst. Wie oft schon hat eine wütende Tungumal mit einer Flutwelle ein Dorf zerstört!”

Niemi warf dem Gerber einen erstaunten Blick zu. „Warum sollte ich euer Dorf zerstören? Ihr habt mir Schutz und Obdach gewährt, als ich zu euch kam. Ich bin euch zu Dank verpflichtet.”

Malceth, der Schmied, trat vor und schob sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Warum sprichst du nie von deiner Vergangenheit, hm?” Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu und kniff die Augen zusammen. „Was ist in den Nordlanden geschehen?”, zischte er. „Warum musstest du deine Heimat verlassen?”

Niemi holte tief Luft und senkte den Blick. Bilder ihrer Heimat zogen vor ihrem inneren Auge vorbei: wilde Fjorde, schneebedeckte Gipfel, vor der Küste treibende Eisberge. Ihre kleine Schwester Nuri, die trotz ihrer Warnungen auf den noch nicht vollständig zugefrorenen Fluss neben dem Dorf läuft. Die Eisfläche, die nicht hält. Nuri, die von der Strömung unter das Eis gezerrt und mitgerissen wird. Ihre Eltern, die ihr die Schuld an Nuris Tod geben, weil sie ihre besonderen Kräfte nicht zur Rettung der Schwester eingesetzt hat, und sie aus dem Dorf jagen.

Ein Schluchzen entrang sich Niemis Brust. „Das sind meine Angelegenheiten.“

„Du irrst!” Malceth schüttelte den Kopf und wandte sich zu den anderen Männern um. „Ich bin sicher, auch dort hat sie Tod und Elend gesät!”

„Es ist genug”, rief Raik und trat vor, das Kinn gereckt. „Was ist denn mit euch? Niemi lebt nun schon so viele Monde bei uns im Dorf, stets war sie freundlich und hilfsbereit. Warum wollt ihr ihr nicht erlauben, vor der Küste zu leben?”

Raiks Vater schüttelte den Kopf. „Sie muss gehen, mein Sohn. Wir Ältesten haben dies lange besprochen.”

Die anderen Männer murmelten zustimmend.

Niemi sah zu Raik hinüber, doch der zuckte hilflos mit den Schultern. Bitterkeit erfüllte sie, während sie ihren Blick über die Ältesten gleiten ließ. In ihren Augen fand sie kein Mitgefühl, nur Furcht und Unbeugsamkeit. Sie meinten es ernst. Schon wieder wurde sie vertrieben, ohne etwas Unrechtes getan zu haben.

„Niemi”, sagte Raik sanft. Sie sah zu ihm auf. Für einen Moment glaubte sie, in seinen Augen zu lesen, dass er sie zurückhalten würde, doch dann formten seine Lippen die Worte: „Es tut mir leid.”

Zorn schoss durch ihre Adern und fegte die Trauer davon. Sie taumelte rückwärts in die tosende Brandung. Der Wind griff in ihr rotes Haar, sodass ihr Kopf in Flammen zu stehen schien.

„Ihr fürchtet euch vor einer wütenden Tungumal?”, kreischte sie. „Eure Furcht ist berechtigt.”

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und übergab sich den dunklen Fluten.

 

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