Birgit Blume Phantastische Literatur
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Leseprobe: Die Shaworkrone - Kapitel 1

 

 

Kapitel 1

Aufbruch

 

 

Furcht wehte mit dem leichten Wind vom See herauf und ließ Jo trotz der sommerlichen Schwüle frösteln. Etwas braute sich zusammen. Auch die anderen schienen es zu spüren. Sie sah die Sorge auf ihren Gesichtern, las die Verunsicherung in ihren Minen.

„Wir hätten mit Luc gehen müssen”, sagte Motz leise und fuhr sich mit der Hand über seine zu einem dicken Pferdeschwanz gebundenen Haare.

Ja, dachte Jo und ließ den Blick von der Terrasse ihres Hauses über die Wiese hinab zum See gleiten, der in der untergehenden Sonne blutrot leuchtete. Von Westen her eilten dunkle Wolken herbei. Es roch nach Regen und die Luft schien zu knistern.

Luc hatte Jo einen Tag zuvor auf Thuroth besucht - mithilfe von Brägans Ring war er in der Lage, den Reisezauber zu wirken, obwohl er selbst keine Magie beherrschte - und hatte erzählt, Manù in Paris zusammen mit einem Magier gesehen zu haben. Brägan hatte ihn daraufhin mit dem Auftrag zurückgeschickt, Manù zu beobachten, und ihm versichert, dass er unverzüglich nach dem Treffen der Magier bei Fürst Kilian nachkommen würde.

Er war soeben aus Gwened zurückgekehrt und hatte hastig eine kleine Mahlzeit zu sich genommen. Er erhob sich und wandte sich zu Jo um. Ernst lag auf seinem edlen Gesicht, seine  blaugrünen Augen schimmerten. „Ich rufe Claig und Fionn und reise in deine Welt, um Manù festzunehmen. Willst du uns begleiten?”

„Ja”, hauchte sie, obwohl sie der Gedanke, Thuroth zu verlassen, mit Furcht erfüllte. Seit sie auf der Insel lebte hatte sie niemals das Bedürfnis verspürt, nach Frankreich zurückzukehren. Sie ahnte, dass der ihr Leben bedrohende Fluch dort noch mächtiger wirkte als auf den Inseln, wo Fályn, das vor der Küste wachsende Seegras, die mit dem Fluch verbundene Schwäche linderte. Doch würde es sie auch in ihrer alten Welt schützen können oder wartete dort der Tod auf sie? Sie seufzte leise. Warum meldete Luc sich nicht? War ihm etwas zugestoßen? Hatte Manù ihn entdeckt?

Ein Donnerschlag ließ sie zusammenfahren.

„Über dem Bran tobt schon wieder ein Gewitter”, bemerkte Motz und Jo folgte seinem Blick auf den nebelumwallten Gipfel des hinter Rhyallis gelegenen Berges. Blitze fuhren aus den schwarzen Wolken wie lange, dürre Finger in die Nebelschwaden.

„Lichtet sich der Nebel denn nie?”

Brägan schüttelte den Kopf. „Nein. Wir wissen nicht, wie es dort oben aussieht.”

Motz runzelte die Stirn. „Es hat doch sicher schon jemand versucht, den Gipfel zu erklimmen?”

„Ja, natürlich”, erwiderte Brägan. „Es gibt Dutzende von Schriftrollen mit den Namen derer, die sich auf den Weg zum Gipfel gemacht haben. Die meisten verließ an der Nebelgrenze der Mut und sie kehrten um.” Er schwenkte sein Glas in der Hand. Die letzten Sonnenstrahlen ließen den Wein dunkelrot schimmern. „Die, die sich in den Nebel trauten, wurden nie wieder gesehen.” Er leerte das Glas und stellte es auf den Tisch.

Motz schürzte die Lippen. „Vermutlich haben sie sich im Nebel verirrt.”

„Es heißt, der Nebel bringt den Tod”, sagte Hefeyd leise und warf den Freunden einen bedeutungsvollen Blick zu. Jo musterte Brägans jüngeren Bruder nachdenklich. Sein feines Gesicht war blass, seine hellblauen Augen müde. Sein blondes Haar fiel ihm auf die schmalen Schultern, die sich in der seidenen Tunika verloren. Etwas Zerbrechliches haftete seiner schlanken Gestalt an. Seine Aufgaben als Wächter von Rhyallis und Schutzmagier der Künste hatten ihm in den vergangenen Monaten des Wiederaufbaus der Akademie und der Bibliothek viel abverlangt.

„Es sind die Wächter”, bemerkte Neala mit unheilschwangerer Stimme. „Sie bewachen, was Raik auf dem Gipfel versteckt hat. Wer dem zu nahe kommt, muss sterben.”

Hefeyd verzog die Lippen zu einem Lächeln und strich Neala sanft über die Wange. „Wir wissen nicht, ob Raik dort etwas verborgen hat, Liebes.”

„Steht in seinem Buch nichts darüber?”, fragte Jo an Brägan gewandt.

Raik hatte die verborgenen Inseln geschaffen und war der mächtigste Magier, der je auf ihnen gewandelt war. Er hatte seine Zaubersprüche in einem Buch festgehalten, das Brägan während des Kampfes gegen Morfan in die Hände gefallen war. Von jeher weckte das Buch Begehrlichkeiten, denn es enthielt starke Zauber, die über das Schicksal der Inseln geboten. Brägan hatte das Buch nach langem Zögern studiert - die Neugier war stärker als die Furcht gewesen. Die darin enthaltenen Schutzzauber hatte er aus der unbestimmten Ahnung heraus, dass sie ihm bald nützlich sein würden, verinnerlicht. Die anderen Zauber hatte er nur überflogen. Zu mächtig waren die Worte, zu verlockend die Aussicht, sie zu nutzen. Auch wenn er sie sprechen würde, um Gutes zu tun, so war er sich über die Auswirkungen eines solchen Tuns auf ihn selbst nicht im Klaren. Ihm war bewusst, dass das Buch niemals in die Hände eines Magiers mit unlauteren Absichten fallen durfte. Daher hielt er es an einem sicheren Ort verborgen, dem außer ihm nur dem verstorbenen Magier Korbinian bekannt war.

„Brägan?”

Er sah auf. „Verzeih. Raik schreibt, dass die Nebel den Gipfel nicht verlassen dürfen.”

„Was geschieht, wenn sie es dennoch tun?”, fragte Neala.

Er zögerte. „Dann erwacht zum Leben, was auf dem Gipfel ruht, und bringt der Insel Tod und Verderben.”

„Das ist ziemlich vage.” Motz klang enttäuscht.

„Auch seine Beschreibung der Nebelwächter ist dürftig”, fuhr Brägan fort, während er sein Schwert umschnallte. „Schatten aus tiefster Finsternis nennt er sie. Für den Fall, dass man ihnen begegnet, führt Raik die Worte an, die sie besänftigen, denn sie mögen es nicht, wenn man sich dem Gipfel nähert.” Er legte die Stirn in Falten, als suchte er nach weiteren Erinnerungen. Plötzlich lächelte er. „Das Buch enthält auch die Geschichte, wie Raik den Bergtrollen versprach, auf ewig in den Eingeweiden des Bran leben zu dürfen. Dafür mussten sie ihm schwören, anderen Lebensformen in der Not den Zutritt zu ihrem Reich zu gewähren. Den Schwur leisteten sie jedoch erst, nachdem Raik sich mit dem Vorschlag ihres Königs einverstanden erklärt hatte, den Zutritt von der Lösung eines ihrer Rätsel abhängig zu machen.”

Jo beugte sich vor. Eine Strähne ihrer rotbraunen Locken fiel ihr ins Gesicht. Sie schob sie hinter das Ohr zurück. „Ein Rätsel?”

Brägan nickte. „Bergtrolle lieben Rätsel. Damit vertreiben sie sich in der Finsternis die Zeit.”

Sie schüttelte verwundert den Kopf. Es gab noch so viel, was sie von den Inseln nicht wusste. Ihr Blick wanderte erneut zum See hinab und weiter an das gegenüberliegende Ufer, über das die Nacht ihre ersten Schatten warf. Zwischen den dunklen Wolken stieg langsam der Mond auf und in seinem kalten, silbernen Licht erschien das wellige Wiesenland wie ein weites, graues Meer.

Brägan betrat den Rasen und schürzte die Lippen, wohl um die Libelle für Claig und Fionn zu rufen. Plötzlich flimmerte die Luft vor ihm und zeigte ein Gesicht.

„Luc!” Jo sprang auf, doch es war schon wieder verschwunden.

Die Freunde stürzten auf die Wiese und blinzelten in die Dämmerung. Brägan bückte sich und strich mit den Fingern über das bebende Gras. „Irgendetwas verhindert die Vollendung des Reisespruchs.”

„Oder irgendwer”, fügte Motz mit düsterer Stimme hinzu.

Wieder flirrte die Luft und enthüllte Lucs verzerrtes Gesicht. „Helft mir!” Seine Stimme klang hohl und undeutlich. „Manù hat ...” Das Gesicht verschwand.

Kalte Furcht legte sich wie ein eiserner Griff um Jos Herz. „Wir müssen sofort nach Paris!”

In das zustimmende Gemurmel der Freunde mischte sich das Rauschen mächtiger Schwingen. Brägans Flyr Nuada schoss aus der Höhe zu Boden und landete neben Jo auf dem Rasen. Ihr hellroter, einem riesigen Flughund ähnelnder Körper schien im Licht der Blitze zu glühen. Sie wippte mit ihrem langen muskulösen Hals, ihre krallenbewehrten Füße hinterließen tiefe Furchen im Gras, während sie sich näherte. „Brägan!”

Der Magier drehte sich zu ihr.

„Der Nebel des Bran! Er breitet sich aus!”

Die Freunde fuhren herum und starrten auf den Berggipfel, von dem gewaltige Nebelschwaden die Hänge hinabstürmten.

Alle Farbe wich aus Brägans Gesicht. „Das ist nicht möglich!”

Jo hörte das Jaulen des Hunderudels im Wald am Fuße des Bergs. Im gleichen Augenblick sprang der Rüde Gwall mit einem gewaltigen Satz über den Zaun und kam bellend vor Brägan zum Stehen. Hinter ihm trat der Waldläufer Artan durch das Gartentor, Schweiß stand auf seinem vernarbten Gesicht.

„Der Nebel, ich weiß”, kam Brägan ihm zuvor.

„Er hat Stimmen! Du musst etwas unternehmen!” Ein Drängen lag in Artans Stimme und seine gelbbraunen Augen funkelten.

Brägan blinzelte unschlüssig. Dann holte er tief Luft, straffte die Schultern, schwang sich auf Nuadas Nacken und machte Artan ein Zeichen, hinter ihm Platz zu nehmen. „Hefeyd! Ich muss mich um den Nebel kümmern. Begleite du Jo und Motz nach Paris. Nimm Gwall mit, er wird dir nützlich sein. Rettet Luc und macht Manù unschädlich! Ich werde Taryn und die Großen zu Hilfe rufen. Bis bald!”

Darauf breitete Nuada ihre Schwingen aus und erhob sich in die Luft.

Jo lief ins Haus, ergriff ihren Umhang, ein Messer und das Reiseamulett. Aus der Nachttischschublade zog sie einen kleinen Beutel mit Geld und den Schlüssel zu Lucs Wohnung. Beides hatte Luc bei einem seiner Besuche zurückgelassen für den Fall, dass sie doch einmal nach Paris kommen wollte. Sie eilte auf die Terrasse zurück.

„Schnell jetzt”, rief sie und hielt das Amulett hoch. Motz und Hefeyd berührten es mit ihren Händen, Gwall mit seiner großen Schnauze.

 

„Esculton, venath, co ven dun

Dennon for an venen vin

An nen portar o Paris en mundo otro

Vin an sul ca tempo eteriel

Paris nin meto, nin esiton

sen prennon an là nen liberon.”

 

Jos Lider wurden niedergedrückt, ein Wind strich um sie und hob sie in die Lüfte. Dann wurde alles dunkel und still.

 

 

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