Birgit Blume Phantastische Literatur
Birgit BlumePhantastische Literatur

Leseprobe: Die verborgenen Inseln - Kapitel 8


 

Kapitel 8

Aderyn

 

 

 

Hefeyd stand in der Dämmerung am Ende der Mole unter dem Lichthaus, das den Schiffen den Weg in den Hafen von Cyfor wies. Schneeflocken umwirbelten ihn im auffrischenden Wind und überzogen den steinernen Boden mit einem Hauch von Grau. Reglos starrte er auf das wogende Meer, während er das Heft seines Schwertes fest umklammerte. Dunkle Wolkengebirge türmten sich über dem Wasser und eilten auf die Insel zu. Ein Schneesturm, dachte Hefeyd missmutig. Die Stirn seines schmalen, feinen Gesichts lag in Falten und seine silbrigen Augen wirkten müde. Es war kalt geworden und er fröstelte trotz des dicken Wollumhangs.

Eine gewaltige Bugwelle rollte durch den Vorhang der tanzenden Flocken unweit der Mole gefolgt von dem mächtigen Rumpf und den dunklen geblähten Segeln eines Dreimasters, der Kurs auf Cyfor nahm. Der Anblick riss Hefeyd aus seiner Untätigkeit. Er wandte sich um und machte sich auf den Rückweg zum Hafen. In den dahinter liegenden engen Gassen der Unterstadt mit ihren Schänken und Gasthäusern und in den breiten Alleen der Oberstadt mit den ehemals prächtigen Häusern der Händler und Verwalter begannen die ersten Lichthäuschen zu leuchten. Zahllose Zwei- und Dreimaster schwankten vor der Kaimauer im Wind, ihre Schiffslaternen warfen zitternde Lichter auf das Wasser. Einige Schiffe hatten im Hafen keinen Platz mehr gefunden und mussten vor der Küste ankern, wo sie den gefährlichen Nachtwinden ausgesetzt waren. Kleinere Boote eilten geschäftig zwischen ihnen und dem Ufer hin und her.

Hefeyd erreichte die ersten steinernen Lagerhäuser, in die Hafenarbeiter mit vollgeladenen Karren die Waren von den Schiffen brachten: Gewürze, Früchte, wertvolles Tuch. Hefeyd ließ seine Hand über einen der schimmernden Tuchballen gleiten, der Stoff fühlte sich glatt und robust an. Muschelseide aus Lydaike. Ein von vier Kriegern bewachter, mit Gwyld beladener Wagen hielt vor einem mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Zweimaster, dessen Galleonsfigur den Kopf eines Drachen darstellte. Eilig wurde das wertvolle Gut an Bord gebracht. Hefeyd warf einen Blick in das Lagerhaus von Fyrun, dem besten Weinhändler der Insel. Lange Reihen dunkler Holzfässer säumten die Wände, auf einem kleinen Tisch hinter dem Tor standen gefüllte Gläser. Daneben befand sich ein Karren mit kleineren Fässern, an denen Fyrun sich zu schaffen machte.  Als er Hefeyd erblickte, winkte er ihn zu sich.

“Hefeyd, mein Junge. Gerade ist eine Lieferung des Roten aus Dyran eingetroffen. Ein ausgezeichneter Jahrgang! Probier einmal.”

Hefeyd zögerte. Doch er wusste, welche Wirkung der Rote auf ihn hatte und er wollte an diesem Abend noch ins Dorf zurückkehren. “Nein, danke, Fyrun. Ich muss noch fliegen. Eine gute Zeit!” Seine Stimme klang hell und kräftig.

“Eine gute Zeit!” Fyrun nickte mit einem Ausdruck des Bedauerns auf seinem Gesicht und wandte sich wieder seiner Lieferung zu.

Hefeyd bahnte sich einen Weg durch das Gewirr der Karren, die emsig zwischen den Lagerhäusern und den Schiffen hin und her gezogen wurden, und den zahlreichen Garküchen, die in unregelmäßigen Abständen mitten auf der Kaimauer Speisen und warmen Wein anboten. Der köstliche Duft nach gebratenem Fisch und Ajil, dem vor der Küste gefangenen Seewurm, zog ihm in die Nase. Sein Magen knurrte. Er war im Auftrag seines Vaters nach dem Frühstück aufgebrochen und hatte seitdem nichts mehr gegessen. Entschlossen trat er an eine Garküche heran und bestellte ein in Wydhbeerenblätter gewickeltes, mit Ajil gefülltes Brot und einen Becher Wein. Der Seewurm schmeckte scharf und kräftig, die Blätter und der Wein süß und stark. Eine wohlige Wärme breitete sich in Hefeyds Magen aus. Gestärkt setzte er seinen Weg fort, begleitet von dem Stimmengewirr der Hafenarbeiter, Seeleute und Händler, dem Rumpeln der Karren, dem Klatschen des gegen die Hafenmauer drängenden Wassers, dem Knarzen der dicken Haltetaue und dem Ächzen der hölzernen Schiffsrümpfe.

Er erreichte ein zwischen den gewaltigen Lagerhäusern winzig wirkendes Holzhaus und trat ein. Dichter Rauch schlug ihm entgegen. Blinzelnd entdeckte er eine korpulente Gestalt an einem massigen Schreibtisch. Alech zog an seiner Pfeife und fuhr stirnrunzelnd mit dem Finger über einen Pergamentbogen. Dann sah er auf.

“Sei gegrüßt, Hefeyd. Was kann ich für dich tun?”

“Sei gegrüßt, Meister des Hafens. Bitte gib mir die Schiffsliste der letzten Woche.”

Alech erhob sich, trat an eines der mit Pergamentrollen gefüllten Regale an den Wänden und ergriff eine Rolle, die er Hefeyd reichte. “Sage deinem Vater, dass sich nichts geändert hat. Schiffe aus Gwened laufen diesen Hafen nicht mehr an.”

Hefeyd hielt die Rolle unschlüssig in der Hand. “Ist dir der Grund dafür bekannt?”

Alech neigte den Kopf. “Von dem Kapitän eines Handelsschiffes aus Dyran habe ich erfahren, dass Kian Gweneds Bedarf an Weizen und Fleisch nun auf den anderen Inseln deckt, weil er erfahren hat, dass unser Fürst seine Macht nach Gwened ausdehnen will.”

Hefeyd stutzte. Davon war ihm nichts bekannt und seinem Vater allem Anschein nach auch nicht, sonst hätte er ihn nicht mit der Prüfung der Listen beauftragt. Nicht nur für Thuroths Händler war Kians Entscheidung ein herber Schlag, das Geschäft mit Gwened hatte ihnen viel Gewinn gebracht. Auch der Fürst würde zürnen, denn die Händler würden die festgesetzten Abgaben nun nicht mehr zahlen können.

Hefeyd überflog die Liste und reichte sie Alech zurück. “Danke. Eine gute Zeit!”

“Eine gute Zeit!”, erwiderte der Meister des Hafens und kehrte an den Schreibtisch zurück.

Stirnrunzelnd trat Hefeyd aus dem Haus. Der Schnee fiel nun dicht und dämpfte die Geräusche des Hafens, als hätte sich ein Tuch darüber gelegt. Masten und Rümpfe der vor der Mauer liegenden Schiffe verschwanden in einem Vorhang aus dicken Flocken. Hefeyd zog die Kapuze über seine langen Haare, schüttelte den Schnee von der Spitze seiner Fellstiefel und bog in eine kleine Gasse ab, die in die Unterstadt führte. Es wurde Zeit.

Plötzlich flog eine Kurierlibelle durch die Schneeflocken auf ihn zu und setzte sich auf seine Hand. Hefeyd erkannte an dem flimmernden Körper, dass die Nachricht wichtig sein musste. Hastig löste er das Papier aus den flauschigen Bauchfühlern, entfaltete es, kniff in der zunehmenden Dämmerung die Augen zusammen und las: “Im alten Wachturm von Aderyn brennt das Feuer. Finde heraus, wer es entzündet hat, und berichte mir. Vater.”

Hefeyd seufzte. Es gefiel ihm nicht, bei diesem Wetter ins Gebirge fliegen zu müssen. Er würde einige Stunden unterwegs sein, den Wachturm nicht vor Mitternacht erreichen und so mitten in den Schneesturm geraten. Dennoch schrieb er eine kurze Nachricht an seinen Vater, dass er sich sofort auf den Weg machen würde, befestigte sie an den Fühlern und murmelte den Empfänger und das Wort “eilig”. Die Libelle entfaltete ihre filigranen Flügel, schoss davon und verschwand.

Hefeyd eilte durch die verschneiten schmalen Gassen. Die steinernen Häuser standen so eng beieinander, als müssten sie sich gegenseitig Halt geben. Eine schar zerlumpter Kinder sprang im Schnee herum. Vor den Schänken hockten verkrüppelte Gestalten und bettelten um Almosen. Die Händler schlossen ihre Läden, bei diesem Wetter würden sie heute nichts mehr verkaufen. Einige von ihnen warfen Hefeyd grimmige Blicke zu. Das waren die, bei denen er im Laufe des Tages im Auftrag seines Vaters überfällige Abgaben für den Fürsten eingetrieben hatte. Hefeyd zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Er hatte Verständnis für den Unmut der Händler, denn die Abgaben waren gestiegen und ließen ihnen kaum das Nötigste zum Leben. Viele von ihnen lebten bereits in Armut. Der Fürst wurde zu gierig, die Sorgen seiner Untertanen galten ihm nicht viel. Hefeyd fragte sich, warum sein Vater nicht mehr für die Bevölkerung Thuroths tat.

In einem Hinterhof standen drei verhüllte Gestalten zusammen, die beim Anblick von Hefeyds Umhang auseinander stoben und im Schneetreiben verschwanden. Hefeyd hielt inne, sein feines Gehör lauschte den Stimmen hinterher, doch konnte es sie nicht mehr erreichen. Ihm war zugetragen worden, dass sein Vater zwei Händler wegen offener Kritik an der Herrschaft des Fürsten festgenommen und von ihnen erfahren hatte, dass sich überall auf der Insel Widerstand gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen bildete und sich immer mehr Menschen Brägan anschlossen.Brägan. Hefeyd seufzte. Gehörten diese Verhüllten zu den Widerständlern? Es machte keinen Sinn, sie bei diesem Wetter in den engen, verwinkelten Gassen zu verfolgen. Doch es gab noch einen anderen Grund für seine Untätigkeit: Diese Menschen hatten keine Hoffnung mehr und handelten aus Verzweiflung, nicht aus Niedertracht.

Er hastete weiter. Aus den Gasthäusern und Schänken drang bereits Musik und Stimmengewirr. Hefeyd sehnte sich nach einem warmen Plätzchen, den ganzen Tag über war er in der Kälte unterwegs gewesen. Fröstelnd schlug er einen schmalen Weg ein, der aus der Stadt heraus auf die Ebene neben dem Nairn, dem Großen Fluss, führte. Ein Hain von Eisbeerensträuchern tauchte aus dem Schneegestöber auf begleitet von lautem Schmatzen. Sein Freund konnte nicht weit entfernt sein.

“Niall!”

“Hier bin ich.”

Niall`s massiger Körper schälte sich aus den Schneeflocken. Er war groß für einen Flyr, er maß fast vierzig Fuß. Mit einer seiner beiden krallenbewehrten Hände, die als Verlängerung seiner Arme aus der Flügelhaut ragten, hielt er den Ast eines Strauches fest, während er mit der anderen die Beeren abrupfte und sie sich ins Maul steckte.

”Wir müssen los, mein Lieber.”

Niall liess seine gewaltigen Schwingen flattern und senkte den langen Hals, um den ein breiter mit Steigbügeln versehener Lederriemen lag. Hefeyd steckte seine Füße in die Steigbügel, zog sich auf den Nacken und kraulte den Flyr hinter den flauschigen Ohren.

Niall seufzte wohlig. “Wohin fliegen wir?”, nuschelte er mit vollem Mund und hob den Kopf.

”Ins Hallgebirge zum Wachturm von Aderyn. Dort soll das Feuer brennen.”

“In Aderyn?” Niall breitete die Flügel aus und erhob sich in die Lüfte. “Seltsam. Wer sollte sich zu dieser Zeit dort aufhalten?”

Brägan, schoss es Hefeyd durch den Kopf und ein Hauch von Hoffnung wehte ihn an. Das Gebirgstal um den alten Wachturm war schon lange nicht mehr bewohnt. Es hatte einst zum Königreich Armor gehört, das in Alten Zeiten untergegangen war. Vor einigen Jahren war der Turm noch einmal von Aufständischen genutzt worden, die einen Angriff gegen den Fürsten geplant hatten, dann aber gescheitert waren. Nein, Brägan hatte dort sicherlich kein Feuer entfacht. Das wäre leichtsinnig, denn die Späher seines Vaters lauerten überall. Wenn im Wachturm wirklich Feuer brannte, musste es eine andere Erklärung geben.

Mittlerweile hatte sich Finsternis über das Land gelegt. Sie flogen durch einen Vorhang dichter Flocken und Hefeyd konnte nicht einmal bis zum Kopf des Flyres sehen. Er verließ sich auf Niall`s Orientierungssinn und bat ihn, so dicht wie möglich über dem Boden zu fliegen, um die eisige Kälte in den höheren Luftschichten zu vermeiden. Der Flyr folgte zunächst dem Lauf des Nairn bis zum Dorf der Heilerinnen am Dinas-See. Als sie es überflogen, fragte Hefeyd sich, was seine Mutter wohl gerade tat. Sie lebte im Dorf und arbeitete als Heilerin im Haus der Kranken. Wahrscheinlich sitzt sie mit Neala beim Abendessen, dachte er und fühlte gleichzeitig Hunger und Sehnsucht.

Der eisige Wind nahm zu und Hefeyd zitterte vor Kälte. Er zog den wehenden Umhang fester um sich und sprach leise die Worte des Zaubers. Sofort durchströmte ihn ein Gefühl der Wärme. Der Schneefall ließ ein wenig nach und die dunklen Umrisse der Ausläufer des Hallgebirges wurden sichtbar. Der Flyr schwang sich in größere Höhen, um den dunklen engen Schluchten zu entgehen, in denen der Wind heulte. Das Tosen der Stürme, das sich in den Tälern und Schluchten fing, sich durch Spalten und Höhlen drängte, an die steilen Berghänge brandete und von den schroffen Felswänden widerhallte, hatte dem Gebirge seinen Namen gegeben. Manchmal mischten sich Stimmen in einer fremden Sprache darunter, Schreie, Schlachtrufe und Klagelaute. Auch das Wiehern von Pferden, Kampfgetümmel und das Aufeinanderschlagen von Schwertern erschallte. Dort hatte sich in der Alten Zeit das Schicksal von Armor entschieden.

Durch den beginnenden Sturm zu fliegen war immer noch besser, als in die Festung zurückzukehren, dachte Hefeyd zornig, als seine Erinnerung zu dem Gespräch wanderte, das er am Morgen mit seinem Vater dort geführt hatte. Sein Vater hatte seine Verspätung kritisiert und gedroht, Niall auszumustern, da er zu langsam fliege.

Diese Worte gingen seinem Vater oft und leicht von den Lippen. Hefeyd wusste natürlich, dass die älteren Flyre auf die entlegene Insel Dughain an den Grenzen der Welt gebracht wurden, wo sie ihren Lebensabend verbrachten, doch war dieser Zeitpunkt für Niall noch lange nicht gekommen: er war erst 520 Winter alt und immer noch schnell genug, schneller als manche jüngere Artgenossen. Hefeyd wusste um den wahren Grund für die Worte seines Vaters: die Freundschaft, die ihn mit Niall verband. In den Augen seines Vaters hatten Tiere keinen Wert und wurden mit unerbittlicher Härte behandelt. Dies erwartete er auch von seinem Sohn, doch Hefeyd war von anderer Gesinnung. Niall war sein Freund, außer Artan sein einziger wirklicher Freund seit Brägans Fortgang. Er würde sich etwas einfallen lassen müssen. Noch nie hatte er sich einer Anweisung seines Vaters widersetzt, doch eine Trennung von Niall würde er nicht hinnehmen.

Ohne ein weiteres Wort über den Flyr zu verlieren, hatte sein Vater ihm den Auftrag gegeben, in Cyfor bei verschiedenen Kaufleuten Abgaben einzutreiben und die Schiffslisten zu prüfen. Damit war das Gespräch beendet gewesen.

“Was grämt dich, Hefeyd?” Nialls Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Der Flyr drängte schon den ganzen Tag auf eine Erklärung.

“Mein Vater möchte dich nach Dughain bringen. Aus diesem Grund werden wir nicht mehr zur Festung zurückkehren.” Diesen Entschluss hatte er während des Sprechens der Worte gefasst.

Der Flyr verlangsamte den Rhythmus seiner Flügelschläge und drehte den Kopf leicht nach hinten. “Wenn dein Vater dies so entschieden hat, werde ich dem nicht entgehen können. Ich kann mich nicht verstecken, er kennt jeden Winkel auf Thuroth und er würde mich finden. Du weißt, was das bedeutet. Denke nur an Fylu.”

“Ich werde nicht zulassen, dass er uns trennt. Ich habe meinem Vater stets treu gedient, obwohl das, was ich in den letzten Monaten über seine Arbeit erfahren habe, mein Herz mit Zweifeln gefüllt hat.  Er ist einer der Mächtigsten der Duin Madainn und sollte seine Kräfte einsetzen, um Wohlstand und Zufriedenheit zu schaffen. Stattdessen versinkt Thuroth in Armut, Angst und Trostlosigkeit.”

 Hefeyd fühlte, dass die Zeit gekommen war, um seinem Vater Fragen zu stellen, und dieser Gedanke ließ ihn schaudern. “Ich bin ihm treu geblieben, obwohl Brägan sich mit vielen anderen gegen ihn gestellt und mich um Unterstützung gebeten hat. Doch wenn mein Vater dich fortbringt, wird er mich verlieren.”

 “Das sind starke Worte, mein Freund. Du weißt, dass er deinen Bruder töten will, wenn er ihn findet. So könnte es dir auch ergehen.”

“Sei unbesorgt. Niemals würde er Brägan etwas antun!” Doch Hefeyd war sich nicht sicher. Als sich sein Bruder nach Abschluss seiner Ausbildung offen gegen seinen Vater gestellt hatte, hatte dieser ihn zum Feind Thuroths erklärt und seine Magier ausgeschickt, um ihn gefangen zu nehmen. Seitdem war Brägan wie vom Erdboden verschluckt, doch sein Vater hatte die Suche nach ihm nie aufgegeben. Hefeyd und seine Mutter Siana hatten Brägan seit vier Wintern nicht mehr gesehen, er schickte lediglich ab und zu eine Kurierlibelle, um ihnen mitzuteilen, dass es ihm gut ging. Es wurde gemunkelt, dass er sich mit seinen Anhängern ins Hallgebirge zurückgezogen hatte.

Ausgerechnet über dem Nebeltal erfasste eine Windbö Niall und drückte ihn zur Seite. Der Sturm hatte an Kraft zugelegt und drohte sie gegen einen der unsichtbaren Berghänge zu schleudern. Sein Tosen wuchs zu einem unerträglichen Dröhnen und Hefeyd hielt sich die Ohren zu, um die darin wirbelnden Stimmen nicht zu hören.

“Ich kann nicht weiterfliegen!”, brüllte Niall.

Im Tal wollte Hefeyd nicht landen, er wusste um die Wirkung des Nebels. Er sah hinab und erahnte durch die Nebelfetzen den Fluss, der sich unter ihnen dunkel durch den Abgrund schlängelte. 

“Überflieg das Nebeltal und lass uns am Ufer des Songran landen. Es gibt dort Höhlen, in denen wir Unterschlupf finden können.”

Nialls Flügel rauschten kraftvoll durch den Sturm, während ihn immer wieder Böen ergriffen und zur Seite wirbelten. Eine Felswand tauchte plötzlich aus den Schwaden auf, der Niall nur durch eine abrupte Drehung ausweichen konnte, die Hefeyd fast abgeworfen hätte. Endlich lag das Nebeltal hinter ihnen, der Flyr legte die Flügel an, schoss in die Tiefe und setzte neben dem Fluss auf den verschneiten Resten einer Straße auf, deren Pflastersteine nun zerbröckelt und verwittert waren, und die von verfallenen Lichthäuschen gesäumt war. Die alte Handelsstraße von Armor. Vor den Berghängen standen die dunklen Umrisse von Ruinen aus dickem Gestein, zerfallene Wände und zerbrochene Säulen, überwuchert von Efeu, das wie Finger aus dem Schnee ragte. Überbleibsel der Rasthäuser und Ställe.

Sie stapften auf den nächstgelegenen Berghang zu und fanden eine Höhle, die jedoch so niedrig war, dass Niall sich nicht an die Decke hängen konnte. So lehnte er sich an die Felswand und legte seine Flügel um Hefeyd, der sofort in einen tiefen Schlaf fiel.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Birgit Blume